Anglizismen in der deutschen Sprache

Englisch ist eine relativ junge Sprache mit Ursprung im Germanischen und starken Einflüssen aus dem Französischen. Die Grammatik ist jedoch relativ einfach, sodass man sich auf Englisch leicht ausdrücken kann, ohne sich viel um die sprachliche Konstruktion kümmern zu müssen. Es passiert daher schnell, der Einfachheit halber die englische Syntax ins Deutsche einfließen zu lassen.

Bei meiner Arbeit als Übersetzer (Englisch >> Deutsch) muss ich darauf achten, dass meine Übersetzung auf Deutsch nicht wie „übersetztes Englisch“ klingt. Ich muss also die Sachen nicht nur übersetzen, sondern so umformulieren, wie ein Deutscher denselben Sachverhalt in seiner Umgebung ausgedrückt hätte. Durch diese Arbeit fallen mir aber auch immer mehr Anglizismen in der deutschen Umgangssprache auf.

Anglizismus Nr. 1:  das Aneinanderreihen von Wörtern ohne Bindestrich bzw. mit nur gedachtem Zusammenhang

 Beispiele:

 „die EU Verordnung ...“,  „der Nizza Vertrag“,   „die KfW Bankengruppe" oder  „ein 10 mm Brett“ usw.

(statt: „EU-Verordnung ...“  „Vertrag von Nizza“,  „die Bankengruppe KfW" oder  „ein 10 mm dickes Brett“ )

Im Café gibt's einen „Schwarzwald Becher"

„Physik Lehrer“ statt „Physiklehrer“

Aufschrift auf einem Kosmetikprodukt: „Erkältungs Bad“

Am Frankfurter Schaumainkai in Stein gemeißelt: „Deutsches Architektur Museum“ (wäre sogar auf Englisch falsch...)

Schwieriger wird es bei mehreren Wörtern mit Zusammenhang:

Beispiel:  „das Windows XP Betriebssystem“. Was genau ist richtig: „das Windows-XP-Betriebssystem“ oder „das Windows XP-Betriebssystem“?

Vorschlag Nr. 1

Wortreihenfolge umdrehen: „das Betriebssystem Windows XP“


oder Bindestriche, wo nie welche notwendig waren:

 „Tomaten-Saft“ (statt Tomatensaft)


Anglizismus Nr. 2:  Falsche Apostrophe

z.B.: „Newton'sche Gravitation“, „Heidi's Würstchenbude“ oder sogar „CD’s mit Hit’s und Oldie's...“

Verwandelt sich Deutsch in Englisch mit deutschem Vokabular?

Anglizismen betreffen nicht nur die Schriftsprache. Es wird auch anders gesprochen. Besonders Politiker führen gerne neue Sprechweisen ein, die dann leider von den Medien und schließlich in der Umgangssprache aufgegriffen werden.

„der Satz macht keinen Sinn“ soll heißen: „der Satz ist Unsinn“ oder „ergibt keinen Sinn"

„macht es Sinn, so etwas zu sagen?“ statt: „ist es sinnvoll/vernünftig, so etwas zu sagen?“

„es macht keinen Unterschied...“ statt: „es ist egal“

„Ja, weil es ist einfacher.“  (Hauptsatz nach „weil“, weil's einfacher ist?)

„nicht wirklich“ (engl.: „not really“) soll heißen: „eigentlich gar nicht“, „nicht unbedingt“ oder „nicht richtig“

„unglücklicherweise“ statt „leider" (nicht so schlimm, scheint mir aber von  „unfortunately" zu kommen...)

„glücklicherweise“ statt „zum Glück"

„dies“, wenn „das" ginge

Aneinanderreihungen, wie etwa: „Das Auslandspolitik Problem erreicht bald die hundertausend Leute Ausweisungs Marke“ oder so ähnlich...

„das ist nicht verhandelbar“ (engl. „non-negotiable"), soll heißen: „das steht nicht zur Diskussion“ oder „kommt nicht auf den Tisch“

„Option“ statt „Möglichkeit"


„ich habe realisiert, dass...“ soll heißen: „mir ist klar geworden, dass... “

„Soundso bezieht sich auf ...“ (engl.: „refers to ...“) wird oft wie im Englischen im Sinne von „mit Soundso ist ... gemeint“ oder „Soundso bedeutet ...“ verwendet

„wasserbasierter Klebstoff“ (dieses „basiert" steht nun sogar schon im Duden), soll heißen: „auf Wasser basierender Klebstoff“ oder „Klebstoff auf Wasserbasis“

„mikroprozessor-basierte Schaltungen“  (oder schreibt man das „Mikroprozessor basiert“?)

Vorschlag Nr. 2 als Ersatz: „mikroprozessorgestützte Schaltungen“,

 oder besser ganz anders ausdrücken, z.B. „Schaltungen in Mikroprozessortechnik“.


Noch was Doofes:

Großbuchstaben mitten im Wort („BahnCard“,  „ReiseZentrum“ oder  „DaimlerChrysler“...). Die Idee stammt aus der Programmiersprache C, in der man nur ganze Wörter verwenden darf. Da es im Englischen kaum zusammengesetzte Substantive gibt, verwendet man beim Programmieren deshalb als Abgrenzung Großbuchstaben (Beispiel: counter variable = zero wird zu CounterVariable = Zero). Leider wird diese Methode jetzt gerne auch im Deutschen benutzt.


Anglizismen in der Physik:

(gesammelt aus Beiträgen in deutschsprachigen Foren)

„Betreff: Fourier Transformations Frage“
soll heißen: „Betreff: Frage zur Fouriertransformation“

„Compton Effekt“ anstatt: „Comptoneffekt“

„Änderung in der Geschwindigkeit“ statt „Geschwindigkeitsänderung“

„auf dieser Längenskala“ soll heißen: „Längen in dieser Größenordnung“ oder „auf diesem Maßstab"

„ein Paper von Soundso..“ gemeint ist „eine (wissenschaftliche) Arbeit von Soundso“

(bei Paper muss ich immer an Klopapier denken...)

In diesem Zusammenhang: „references“ sind nicht Referenzen, sondern Verweise auf Literatur.
 
„die Aussage impliziert, dass ...“ besser: „aus der Aussage würde folgen, dass ...“

„die Argumentation ist inkonsistent“ soll heißen: „die Argumentation ist nicht widerspruchsfrei“ (oder auch in sich schlüssig, stimmig, konsequent, einheitlich...)
„die Behauptung ist konsistent mit ...“ (praktisch reines Englisch) soll heißen: „die Behauptung ist mit ... vereinbar“

„A ist identisch zu B“ soll heißen: „A ist mit B identisch“ (Identität hat keine Richtung)
„A ist äquivalent zu B“ soll heißen: „A ist B äquivalent“ oder „A und B sind äquivalent“
(oder vielleicht ganz anders formulieren: z.B. „A bedeutet dasselbe wie B“)

„wesentlich selbstadjungiert“ soll heißen: „im Wesentlichen selbstadjungiert“ (engl.: „essentially“)

 
Anglizismus Nr. 3:  das Reflexivproblem


Im Englischen wird z.B. nicht zwischen „drehen“ und „sich drehen“ unterschieden.

In der Physik hört man daher z.B.:
„die Größe transformiert kovariant...“


Die Größe transformiert aber nicht, sondern wird transformiert, also:
„die Größe transformiert sich kovariant“

oder „überlappende Felder“ statt „sich überlappende Felder“

Quantenmechanik:
„der Operator 1 vertauscht mit Operator 2“
soll heißen:
„der Operator 1 kommutiert mit Operator 2“, d.h.
„der Operator 1 ist mit Operator 2 vertauschbar“

Quantenfeldtheorie:
„die Teilchen koppeln an das Feld“ soll heißen: „es besteht eine Kopplung zwischen Teilchen und Feld“. Die Formulierung „couples to“ ist im Englischen eine erlaubte Vereinfachung von „is coupled to“ (die Beziehung ist wechselseitig).

Genauso kann man auch sagen: „the number divides by three“, obwohl gemeint ist: „the number can be divided by three“. Auf Deutsch hieße das: „die Zahl teilt durch drei“ (statt: „die Zahl ist durch drei teilbar“).

Mit der deutschen Sprache kann man physikalische Sachverhalte sehr genau ausdrücken. Je mehr vereinfacht wird, desto mehr muss man zwischen den Zeilen lesen können. Die englische Ausdrucksweise ist zwar sehr bequem, kann aber m.E. zu Oberflächlichkeit beitragen.


In der EDV:

„nutzen" statt „benutzen"

„du willst mit Google nachschauen“ wäre auf Englisch ein freundlicher Hinweis („you want to...“). Auf Deutsch ist so eine Bemerkung unhöflich.


Finanz/
Börse:

„We trade commodities" wurde natürlich ohne Rücksicht auf den grammatischen Konflikt in die deutsche Fachsprache übernommen: „Wir handeln Waren" („trade" im Sinne von austauschen geht im Englischen ohne das Verhältniswort „with")


Neue Rechtschreibung:

Die neue deutsche Rechtschreibung stiftet zusätzlich Verwirrung, und zwar besonders die neue Getrennt- und Zusammenschreibung. Bedeutungen lassen sich in bestimmten Fällen nicht mehr auseinanderhalten: „Ich habe das Modellflugzeug fertig bekommen." (laut Regel § 34 E3 (3), obwohl es eigentlich nach § 34 (2.2) „fertigbekommen" heißen sollte). Oder: „Selbst verdiente Einnahmen sind manchmal nicht gerechtfertigt."


Fernsehen/Kino:

Noch mehr Unsinn wird durch schlechte Übersetzungen von Fernsehserien und Spielfilmen eingeführt. Es ist schwer (
aber keineswegs unmöglich), umgangssprachliche Redewendungen ins Deutsche zu übertragen. Die Übersetzung kostet dann natürlich mehr. Bei solchem Material, das Millionen Zuschauern (z.B. Kindern) gezeigt wird, sollte aber sicher nicht gespart werden.


Ausblick:

Was ist in der Zukunft noch zu erwarten? Sicher ist, dass die Vereinfachung (Verhunzung) des Deutschen durch Anglizismen weiter um sich greifen wird. Ein Blick auf sprachliche Entwicklungen im Englischen zeigt, wie weit das im Prinzip gehen kann.

Neben den bereits genannten
englischen Eigenheiten (Nominalstil mit Aneinanderreihungen, keine reflexiven Verben usw.) findet man auch noch weitere grammatische Umgestaltungen:

1) Verwandlung von Adjektiven in Nomen, z.B. „female" -> „a female" (weiblich -> eine weibliche Person). Im Deutschen geht das natürlich auch: z.B. arbeitslos -> ein Arbeitsloser, aber mit neuer Endung und groß geschrieben.

Interessant ist der umgekehrte Fall, d.h.

2) Verwandeln von Nomen in Adjektive durch Mutation der Aneinanderreihung: z.B. „key" -> „a key element" -> „this element is key", d.h. im zweiten Schritt „a key element" wird so getan, als sei „key" ein Adjektiv. Übersetzung: Schlüssel -> ein Schlüsselelement -> dieses Element ist
schlüssel. Das ist auf Deutsch natürlich Unsinn, aber wer weiß... Schwierig würde es dann bei der Steigerung: „It is more key than that." Es ist schlüsseler? Hoffentlich nicht.

Das Gleiche passiert auch mit Längenangaben: „a two metre board" („ein Zwei-Meter-Brett") wird zu „the board is two metres", so als sei „two metre" adjektivisch, wie etwa „a light green board" -> „the board is light green". Der entsprechende Anglizismus wäre: „Das Brett ist zwei Meter".

3) Erweiterter Zuständigkeitsbereich des Worts „so": Es ist so schön. „It is so nice". Aber auch „I so don't get this..." Übersetzung: So sehr kapiere ich das nicht. Oder: Ich kapiere ich das so nicht?



Fortsetzung folgt...


Zum Schluss:

Rede zum ersten Kongress zur Reinerhaltung der deutschen Sprache
(Otto Waalkes, ca. 1976)

Meine Damen und Herren!

Ich begrüße Sie im Namen unseres bunten Präsidenten alter Scheel und Herrn Kissenminister Aussinger zum ersten Kongress zur Reinerhaltung der deutschen Sprache.

Wir sind hier zusammengebrochen, um auf die Gefahren hinzubeißen, die unserer Buttersprache drohnen.

Ich habe das Scheißpulver nicht erfunden..., meine Raben und Bären. Aber wie sagte schon Edison, der berühmte Erfinder der Glühdirne: „Wer seine Sprache nicht beherrscht, der sollte doch lieber den Mond halten!” Aber Schurz beiseite: Das deutsche Volk muss flachgerüttelt werden! Es muss verpennen, dass es so nicht weiterfährt, weitermacht, weiter... dingsda!

Verachten wir doch stur unsere Jugend! Wo reibt sie sich denn drum? In Spülhöhlen und Prachtvokalen! In schlechter Geschnellschaft! Aber einen füllerfreien Satz aufzubrechen, das ringen sie Eintracht nicht Kinn, diese jungen Läuse. Aber Vorhaut und frech sein - das schiffen sie!

Nein, meine Samen und Spermen, bitte jetzt keine Zwetschgenrufe! Ich muss doch sehr um Schuhe bitten! 

Lassen Sie mich zusammenfaselnd feststecken. Trauring, aber Warzenschwein. Wir dichten uns in querer Sorge an die Hundesregierung, und den Innengeschwistern der Bänder verschachern wir unser uneingeschwenktes Verdauen: Kragen Sie dafür Socke, dass die deutsche Sprache Zauber bleibt!

Ich zanke Ihnen für Ihre Ausmerzamkei
t!